Die 21 Kehren von Bandipur oder: Große Momente des Radsports

Mugling – Bandipur, 58 km hügelig mit historischem Schlußanstieg, 20 bis 30 Grad, abends Regen

Das Highlight heute: Nach 40 Kilometern hügeliger Fahrt im Tal gesellt sich, wenige Minuten im Berg, wie aus dem Nichts gekommen, eine gefallene Legende des Radsports hinzu, gekleidet in einem Magenta-für-Farbenblinde-farbenen China-By-Bike-Trikot. (also crush-orange). Die Gruppe begrüßt den noch vor zwei Wochen so gescholtenen Radler herzlich in ihrer Mitte und zwingt ihn förmlich auf sein Rad. Er zieht die lange Überhose aus und schwingt sich auf seinen schwarzen Koga-Renner, der im Materialwagen schon auf ihn wartet. Am Berg dann das alte Bild. Am Anfang kann er mit Winokurov noch mithalten, eine Weile plauscht er mit Linus Gerdemann, dann fährt er mit Altmeister Rudi Altig gemächlich die berühmten 21 Kehren von Bandipur. Große Momente des Radsports!

Natürlich alles nur meiner Phantasie entsprungen. Jan Ulrich bin ich, eben eingeschwebt nach Kathmandu und heute per Transfer zur Gruppe gestoßen, gerade rechtzeitig zum tatsächlich legendären Schlußanstieg nach Bandipur, unserem heutigen Tagesziel. Unser Winokurov heißt Irina, die seit Wochen kaum angefochten das Gelbe Trikot und die weißrussischen Farben trägt. Der Kollege Gerdemann heißt bürgerlich Sven und ist wie Karin und meine Wenigkeit neu dabei. Und bei Rudi Altig handelt es sich selbstverständlich um Robert, der nach frühtourlichen Anschlussproblemen nun unerbärmlich im Nähmaschinentritt die Berge hochschnurrt. In Ungnade war ich als Initiator und Streckenplaner der Tour tatsächlich kurzzeitig in Tibet gefallen, als die Gruppe im nicht funktionierenden Bad bei -12 Grad Zimmertemperatur Schlittschuh laufen konnte. Alles vergeben und vergessen! Nur die ersten Serpentinen muss ich mir noch ein paar Sticheleien anhören, dann geht der Blick nach vorne. Auf wunderschöner, teils bis zu 18 Prozent steiler Bergstrecke nach Bandipur.

Die heute doch recht verschlafene Stadt war noch im 19. Jahrhundert ein wichtiger Warenumschlagplatz an der südlichen Seidenstraße. Die Waren, Seide, Tee, Gewürze und Edelsteine, waren kostbar und die Täler unsicher – folglich baute man die Handelsstädte oberhalb der Talsenken. 600 Höhenmeter thront Bandipur über dem Tal; wären die Wolken nicht, könnte man von hier einige 8.000er sehen. Zu Hochzeiten war Bandipur eine reiche Stadt, was sich an der großartigen Architektur des Ortes bis heute manifestiert. Durch Grenzschließungen, neue Verkehrsmittel und politischen Wirren verloren die Handelswege durch Nepal im 20. Jahrhundert ihre Bedeutung – Bandipur wurde aufgegeben und dem Verfall anheim gegeben. Seit knapp 10 Jahren wird nun wieder gehämmert und geklopft in der Stadt. Die aus roten Ziegeln gebauten halbhohen Häuser erstrahlen eines nach dem anderen im alten Glanz und beherbergen nun meist Hotels und Restaurants. Großartige Holzarbeiten verzieren Türe und Fenster. Und zwischendrin lehnt sich ein windschiefes, verfallenes Haus an den schicken Nachbarn und wartet auf einen Investor. Nepal hat 10 touristische Seuchenjahre hinter sich – mit der Regierungsbeteiligung der ehemals aufständischen Maoisten hat sich vieles entspannt und Nepal ist wieder ein beliebtes Reiseziel. Schon laufen die ersten westlichen Besucher durch Bandipur, und wir mit ihnen. Ein angenehmer Ort, der auf jeden Fall einen Besuch lohnt.

Am frühen Abend hat es leicht zu regnen angefangen und wir hoffen auf klares Wetter für die 21 Kehren von Bandipur – diesmal bergab. Den Everest sehe ich jetzt schon – auf dem Etikett des gleichnamigen lokalen Biers.

Höhenprofil

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2 comments on “Die 21 Kehren von Bandipur oder: Große Momente des Radsports

  1. Bild Nr. 8: 小雪人; Der kleine Schneemann.
    Die Verpackung zum Speiseeis hält der Junge ins Bild.
    Dieses Eis hat in China ähnlichen Kultstatus wie Prilblumen, Yps mit Gimmick und Matchbox-Autos in Deutschland ;-)

  2. Pingback: Die Extrakehren von Bandipur « Der Reiseblog von China By Bike

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